Lost at College
Wenn die Nacht zum Tag wird
Foto – Philologische Bibliothek – Rechte: FU Berlin
Schon seit seiner Kindheit war Marvin von der Archäologie fasziniert. Voller Interesse hatte er schon während seiner Schulzeit alle Bücher zum Thema verschlungen und jeden Bericht über neue Ausgrabungen alter Siedlungen oder Tempelanlagen verfolgt.
Das Archäologiestudium nach seinem Abi war schon quasi beschlossene Sache.
Nun hoffte er tiefere Einblicke in das Thema, das ihn schon die ganze Jugend lang begleitet hatte zu bekommen. -
Es sollte anders kommen. . .
Traum und Wirklichkeit
Marvin begann sein Studium im neuen Bachelor-Master-System und jobbte quasi von Anfang an nebenbei als wissenschaftlicher Mitarbeiter in seinem Fachbereich.
Aber schon auf der Hälfte des ersten Semesters befielen ihn erste Zweifel.
Nicht Beruf, sondern Berufung
Lediglich zwei von 120 Archäologiestudenten werden den Sprung in Archäologieberufe schaffen, darauf wiesen Marvins Dozenten die Studenten immer wieder hin.
„Die Archäologie ist kein Beruf, sondern Berufung.“ -
die völlige Hingabe an das Studium das Mindeste, was von den Studenten erwartet werden kann.
Die Folgerung ist klar: Du bist einer dieser Beiden, oder du scheiterst.
Mit einer solchen Drohkolisse im Hintergrund studiert es sich nicht so gut. „Der extreme Konkurrenzkampf führte schnell zu einer sehr negativen und aggressiven Stimmung,“ erinnert sich Marvin. Er war nicht der Einzige, der mit diesem Studienalltag nicht glücklich wurde.
„Ein mal brach eine Kommilitonin in einen Weinkrampf aus, aber der Dozent hat überhaupt nicht darauf reagiert.“
Vor den ersten Klausuren bekam Marvin erstmals das Bologna-System richtig zu spüren. „Wir haben uns die Inhalte reingeprügelt, ohne zu wissen was es uns eigentlich bringt,“ erzählt er.
Keiner konnte oder wollte Marvin erklären wie man sich richtig auf eine Klausur vorbereitet, das Ergebnis: „Totale Selbstüberforderung.“
Wochenlang lebte er nur für diesen einen Tag. Und danach…
„Nach den ganzen Klausuren war da erst mal ein totales schwarzes Loch.“ Monatelang hatte Marvin sich vorbereitet, gelernt, zurückgesteckt, nun verschwindet die ganze Anspannung in einem Loch der Sinnlosigkeit.
Man weiß, dass etwas falsch läuft, aber man weiß nicht was.
Marvin bekam Stimmungsschwankungen, regte sich über Kleinigkeiten auf, war von einem Moment auf den Anderen zu Tode betrübt.
Zuerst schob er es auf den normalen Stress, bekräftigt durch seine Eltern, die anfangs wenig Verständnis für seine Probleme zeigten. „Sie konnten damit nicht umgehen,“ erinnert er sich. Wie soll man auch wissen, was beim Studium normal ist und was nicht?
Kein Einzelfall
Marvin steht mit seinen frustrierenden Erfahrungen an der Uni nicht allein.
Auch Tobi fühlte sich zwischen Creditpoints und Klausuren ziemlich bald wie in einem Schraubstock.
Politikwissenschaften wollte er studieren, an der renommierten Uni in Göttingen.
180 Creditpoints sollte Tobi in drei Jahren sammeln. Kein Problem, dachte er zunächst, drei Jahre sind immerhin drei Jahre.
Doch schon bald hängt er mit Prüfungsleistungen hinterher, sein Studienfortschritt verlief ganz eindeutig nicht gemäß seines Studienverlaufsplans.
„N. B.“ (nicht bestanden) verkündete sein Onlineportal, in dem seine Studienleistungen gesammelt werden.
Wie Marvin erlebt Tobi seine erste harte Landung nach dem Traum vom vergnüglich entspannten Studentenleben, die „Durchdrehwochen,“ wie er sie später nennt, in denen sich Versagensängste und ein stechender Leistungsdruck in seinem Leben einquartierten.
Wie bei Marvin haben Tobis Ältern anfangs nur wenig Verständnis, erst später wird ihnen die extreme Dauerbelastung ihres Sohnes richtig bewusst.
Die vollen Stundenpläne bei gleichzeitig geringen Erfolgserlebnissen und die in vielen Fällen prekäre Frage der Finanzierung eines Studiums treibt tatsächlich immer mehr Studenten in meine Sprechstunde,“ bestätigt Frau Dr. Christel Winkelbach von der psychosozialen . Beratungsstelle des Göttinger Studentenwerks.
„ Überhohe Anforderungen durch den Lehrplan führen zu überhöhten Erwartungen an sich selbst. „
Auch Bernhard Kempen, Präsident des deutschen Hochschulverbands, beurteilt die Studiensituation in Deutschland skeptisch: „„Die Studierenden von heute erinnern mich an den berühmten Hamster im Laufrad. Das modularisierte und verschulte Bachelor-Studium lässt ihnen kaum Freiraum.“
Ein bemerkenswerter Konsens, der freilich Studierenden wie Tobi oder Marvin wenig hilft.
Den Spaß am Studium hat Marvin schon sehr bald verloren. Bald ist der vielseitige und interessante Nebenjob der einzige Grund für ihn nicht hinzuschmeißen, und die Musik. „Die Musik und meine Kollegen aus der Band haben mich immer wieder aus allem rausgezogen.“ Aber die Leute in der Band sind alle um Einiges älter und zu nur wenigen Kommilitonen hat Marvin näheren Kontakt, jedenfalls ergibt sich keine Gelegenheit über seine Studienhölle zu sprechen.
Von hier an gehts Berg ab
Nach anderthalb Jahren kommt der völlige Zusammenbruch.
Marvin bekam Panikattacken. „“Ich bekam richtige Aggressionsflashs, habe einfach unmotiviert auf mein Sofa eingeprügelt,“ erinnert er sich schaudernd.
Und es war niemand da, der ihn aufgefangen hätte oder ihm sagte, es wird wieder besser, im Gegenteil. „Alle sagten, es wird immer nur noch schlechter.
Seine Mutter riet ihm sich psychologische Hilfe zu suchen, und so sitzt Marvin eines Tages beim psychologischen Dienst für Studierende.
„Wie fühlen Sie sich?“
„Das war ein ganz komisches Gespräch,“ berichtet Marvin heute.
Als die Psychologin ihn fragte „und wie fühlen Sie sich?“ hat der ganze Frust der letzten Jahre sich explosionsartig Platz verschafft.
„Ich habe geheult und so gezittert, dass ich fast die Armlehnen rausgerissen habe.“
Die Psychologin riet Marvin zu einer Psychotherapie.
Über anderthalb Jahre ist er in Behandlung. Die Therapie wirkt. Marvin lernt seine Erlebnisse zu reflektieren, sich von den schlechten Erfahrungen und negativen Studienbedingungen zu distanzieren.
„In den letzten Semestern hatte ich eigentlich immer Einsen vor dem Komma,.“
Aus heiterem Himmel
Nicht immer bahnen sich Krisen im Studium so absehbar an wie bei Marvin und Tobi.
Bei Melanie war es eine ganz normale VWL-Prüfung, die ihr aufzeigte, dass etwas schief lief.
Gar nicht mal besonders aufgeregt sei sie gewesen, erinnert sie sich heute, und auch relativ gut vorbereitet.
Im vierten Semester Philosophie war sie zu diesem Zeitpunkt, und hatte vier Nebenjobs. Ihren Blackout führt sie auf die völlige Überarbeitung in den Wochen und Monaten vorher zurück, nur dass ihr das einfach nicht aufgefallen war.
Die Noten gehen vom ersten Semester an direkt in die Endnote ein, dieser Dauerstress führt bei immer mehr Studenten zu Prüfungsängsten bis hin zum totalen Blackout in der Klausur.
„Das Thema Prüfungsangst hat massiv zugenommen. Ein Grund aus unserer Sicht dafür: die veränderten Studienbedingungen,“ sagt Wilfried Schumann, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle von Universität und Studentenwerk Oldenburg
Ein Kosmos für sich
Marvins Verhältnis zum Studium und zum System Uni nach Bologna hat sich relativiert. Er weiß die belastenden Faktoren auszublenden, zu verdrängen.
Dennoch, „das System macht die Menschen kaputt, ist er überzeugt.
Der Bachelor wurde sehr stark verwirtschaftlicht, alles dreht sich nur um Zeitmanagement, effektives Arbeiten. Selbstbestimmtes Lernen ist Vergangenheit, die Inhalte bleiben auf der Strecke.
Und dabei werden einem die wirklich wichtigen Sachen trotzdem nicht beigebracht. Alles, was wirklich wichtig ist, lernt man dann im Job.
„Die Uni ist vielleicht nicht der Elfenbeinturm, aber doch ein Kosmos für sich.
Ich habe nicht mehr den Anspruch alles mitzunehmen, wenn keine Anwesenheitspflicht besteht, bleibe ich zuhause.
Das Bachelor-Master-System hat Egoismus und Einzelkämpfermenthalitäten an der Uni zu einem beispiellosen Siegeszug verholfen.“
Marvin hat sich mit dem Status Quo arrangiert, aber der Hass auf das System, das dafür verantwortlich ist, dass es ihm so schlecht ging, ist heute noch genau so stark wie früher.
Mit Material von ITB Research / CHRONOWORKS
